Der Leipziger Ratskeller – Planung und Bauzeit 1890 bis 1905

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Die Stadt Leipzig erlebte Ende des 19. Jahrhundert einen wirtschaftlichen Aufschwung. In den Jahren 1867 bis 1900 stieg die Bevölkerungszahl von 90.824 auf 456.124 Personen – eine Entwicklung von 500 % in nur 33 Jahren.

Leipzig – Bevölkerungsexplosion 1834 – 1890

Eindrucksvoll wird diese Explosion in einer grafischen Darstellung aus dem Jahr 1891 veranschaulicht. „Alt-Leipzig“ umfasste das Kerngebiet der Stadt. Zwar entstanden immer mehr hohe Gebäude, welche Platz für zusätzliche Einwohner schufen, doch das Potential war begrenz. Abhilfe schafften Eingemeindungen und Bebauungen der neuen Gebiete.

Eines wurde schnell klar – das kleine Rathaus am Markt war nicht mehr geeignet zur Verwaltung einer aufstrebenden Metropole wie Leipzig. Ein neues Rathaus musste her. Erste Überlegungen gab es bereits in den 1870er Jahren, doch keiner der bisherigen Pläne passte so richtig zu den Visionen der Stadtväter.

Leipzig – Altes Rathaus um 1900

 

Ernsthaft beschlossen wurde der Neubau eines Rathauses erst im Jahr 1890. Die Standortfrage war weitestgehend ungeklärt, doch Oberbürgermeister Dr. Otto Georgi konnte sich dank seines Einflusses in Politik und Wirtschaft durchsetzen – das Gebiet der alten Pleißenburg sollte der neue Standort werden.

Für circa 4,1 Millionen Goldmark erwarb die Stadt Leipzig letztendlich 1895 vom sächsischen König Albert die alte Pleißenburg. Militärisch war sie mittlerweile völlig unbedeutend, die Lage des Geländes am Rande der Stadt passte den Stadtplanern jedoch ins Konzept.

Als das Finanzielle geklärt und der Immobilienkauf abgeschlossen war, ging 1896 die Ausschreibung an die Öffentlichkeit. Ausdrücklich wurde in ihr der Bau eines „Ratskeller mit allen zum Betriebe eines Wein- und Bierschanks nötigen Wirtschafts- und Nebenräumen“ gefordert.
Eine weitere Maßgabe war, dass der Turm der Pleißenburg als bekanntes Leipziger Wahrzeichen erhalten bleibt.

1897 nahm das Projekt Gestalt an. Die Pleißenburg wurde bis auf den Turm und die weitläufigen Kellergewölbe abgerissen.

Im selben Jahr gewann der Leipziger Stadtbaudirektor und Architekt Hugo Licht die Ausschreibung des Bauvorhabens. Sein riesiger Monumentalbau sollte bis zur Fertigstellung im Jahr 1905 rund neun Millionen Mark verschlingen – eine für damalige Verhältnisse gewaltige Summe. Das neue Rathaus ist heute noch Deutschlands größtes Rathaus und das Fünftgrößte weltweit. Der Rathausturm hält mit einer Höhe von 114 Metern den Rekord für den höchsten Rathausturm.

Die Grundsteinlegung erfolgte am 19. September 1899, danach ging es zügig voran. Einige bisher vernachlässigten Fragen mussten beantwortete werden. Sollte der Ratskeller ein Ratsbierkeller, Ratsweinkeller oder von Beides etwas werden? Die Stadt entschied sich für einen „Ratsweinkeller“. Ein Bierausschank täte nicht der Würde des neuen Prachtbaus gerecht werden.

Die zweite wichtige Frage betraf die Gewährleistung guter Weine im Ratskeller. Die Stadt Leipzig hatte immer noch das Problem mit gepanschten Weinen unseriöser Weinhändler und Wirte. Auch der „kleine Mann“ sollte für wenig Geld einen guten Wein in dem neuen Monumentalbau bekommen. Es ging im Großen und Ganzen um die Frage, ob der Pächter freie Hand bei der Weinwahl und Preisgestaltung hat, oder er nur die von der Stadt Leipzig gelieferten und kontrollierten Weine mit einer Provision von 20 Prozent ausschenken darf.

Natürlich – wie schon einige Jahrhunderte vorher – gingen die Leipziger Weinhändler wieder auf die Barrikaden. Es hagelte Beschwerden, Einsprüche und Petitionen. Doch am Ende gewann in der Stadtverordnetensitzung (22.10.1902) bei einer Abstimmung die Ratsvorlage der Stadt Leipzig.

Am 1. Oktober 1904 war es endlich soweit – noch vor der Fertigstellung des neuen Rathauses (1905) öffnete der Ratskeller seine Pforten mit Karl Blechschmidt als ersten Pächter.

Übrigens: Das alte Rathaus am Markt sollte nach Fertigstellung des neuen Rathauses abgerissen werden, doch der Wiederstand der Leipziger rettete es im Jahre 1905. Fortan war sein Weiterbestehen als Stadtgeschichtliches Museum gesichert.

Altes Rathaus am Markt 1 – Umbau 1906 bis 1909 zum Stadtgeschichtlichen Museum